Geschichte der Gemeinde


Zur Geschichte der Evangelisch-Lutherischen St. Trinitatisgemeinde Leipzig

eine Kirchgemeinde der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK)
von Superintendent em. Johannes Rüger, Leipzig


1. Echtheit der Kirche
Die Aussagen der Heiligen Schrift haben grundlegende Bedeutung für die Kirche. Sollten diese missdeutet oder nicht mehr beachtet werden, so sind alle Gläubigen darauf angewiesen, sich an die Quellen des christlichen Glaubens zu wenden. Die Heilige Schrift vermittelt eine umwälzende Kraft, Fehlentwicklungen zu korrigieren. Blicken wir in die Kirchengeschichte, erfahren wir eine Fülle verschiedenartiger Vorgänge. Die durch Martin Luther ausgelöste Reformation legt die Quellen des christlichen Glaubens offen und frei für jedermann, wie es 1530 im Bekenntnis von Augsburg deutlich wird. In jedem Fall gilt es, auf die Grundlagen der Heiligen Schrift zu achten. So kann sich der Christ aus der echten Verlässlichkeit der göttlichen Botschaft dankbar im Glauben an den dreieinigen Gott stärken und bewähren.

Erhalt uns, HERR, bei deinem Wort!


2. Gebet um eine Gemeinde
Zwei Frauen sind für die Anfänge der St. Trinitatisgemeinde in Leipzig zu nennen. Nur unter großen Schwierigkeiten können sie Anfang 1894 die damalige Staats- und Landeskirche verlassen. Vor dem zuständigen Pfarrer der evangelisch-lutherischen (ev.-luth.) Landeskirche Trauzschel verteidigen sie ihren Schritt in die Separation (Trennung) mit folgenden Worten: „In der Ev.-Luth. Freikirche wird anders gepredigt als in der Landeskirche!” Sie verweisen dabei auf deren Schrift- und Bekenntnistreue, der sie sich verpflichtet wissen. Daraufhin erhalten sie ihre kirchliche Austrittserklärung. Am nächsten Tag wird diese vom Kirchenamt für ungültig erklärt. Die beiden Frauen Schwabe und Seifert müssen nun bei Pfarrer Hölscher vorstellig werden. Den Vorwurf von Pfarrer Trauzschel, dass sie zu einer Sekte gehen, weisen sie erneut zurück. „Das wisse er, er kenne die Prinzipien der Freikirche. Noch müsse er aber an seiner Stelle ausharren!” Er gibt sie frei für den Übertritt in die Ev.-Luth. Freikirche. Wie aber haben sie nähere Verbindung zu dieser aufgenommen? Bereits ein Jahrzehnt lang besuchen sie Gottesdienste der Ev.-Luth. Freikirche und nehmen Verbindungen innerhalb dieser Kirche auf. Täglich bitten sie Gott um eine Gemeinde in Leipzig. In der Pleißenburg (jetzt Neues Rathaus) zu Leipzig sind auch Soldaten der Ev.-Luth. Freikirche kaserniert. Sie werden von Pastoren dieser Kirche seelsorgerlich mit Gottesdiensten betreut. In der Uniformbügelei der beiden Frauen eröffnen sie ihre Herzensangelegenheit: ihr christliches Bekenntnis. Sie beklagen dabei, keinen Raum für Gottesdienste bekommen zu können. Bald finden diese jedoch bei den beiden Frauen in deren Geschäftsräumen statt.

Unablässig bitten sie Gott um eine Gemeinde in Leipzig.


3. Gemeindeleben
1907 gründen sieben Familien in Leipzig eine Gemeinde: die separierte ev.-luth. Gemeinde u. A. K. (ungeändeter Augsburgischer Konfession). Das Gemeindeleben erwächst aus dem Gottesdienst. Versammlungen zur Christenunterrichtung aus dem Katechismus, den Bekenntnisschriften sowie die üblichen Veranstaltungen einer Gemeinde erbauen die Gemeinde. In monatlichen Gemeindeversammlungen werden alle anfallenden Aufgaben bis hin zu den Finanzen der Gemeinde behandelt und protokollarisch festgehalten. Tägliche Hausandacht und Bibellese machen den familiären Bereich zu einer Zelle des Gemeindelebens. Man besucht sich gegenseitig. Noch wird die Gemeinde als „Predigtplatz” von außerhalb betreut und hat keinen eigenen Seelsorger. Die meisten Gemeindeglieder der ersten Zeit entstammen dem Postdienst. Man hat sich untereinander aufmerksam gemacht und für die Gemeinde geworben.

Die Freude des Bekenntnisses zu dem dreieinigen Gott prägt ihren Alltag.


4. Ein eigenes Pfarramt
Am 24. August 1920 erfolgt die sehnsüchtig erwartete staatliche Anerkennung der Gemeinde. Nun wird ein Pfarrer und Seelsorger berufen. Pastor August Stallmann wechselt jedoch 1925 an eine andere Gemeinde. Sein Nachfolger, Pastor Scherf, bleibt bis 1929 in Leipzig. Endlich aber hat die Gemeinde ein eigenes Pfarramt. Erst mit Pastor Dr. Karl Friedrich Müller erhält sie einen Hirten, der sie durch 16 Jahre betreut. Am Johannisplatz 3 mietet man den Raum des „Christlichen Vereins Junger Männer” (CVJM) für Veranstaltungen. 1930 findet die Gemeinde in der Zentralstraße 7 einen „vortrefflich” geeigneten Raum. Damit hat die Wanderschaft durch mitunter ungeeignete Lokalitäten ein Ende. Inzwischen ist die Gemeinde auf 120 Glieder angewachsen. 1945 verliert Pastor Dr. Karl Friedrich Müller infolge des Bombenangriffes auf Dresden sein Leben. In der Sakristei sieht man ein großes Spruchband von ihm mit dem hebräischen Wort für Treue: ämuna.

Die Treue Gottes bleibt Vorbild des Glaubenslebens.


5. Eine eigene Kirche
Der Krieg mit seinen verheerenden Folgen hat die Bevölkerung dezimiert, die Städte verwüstet und unzählige Menschen heimatlos gemacht. Der Neuanfang in den Not- und Hungerjahren braucht die Hoffnung als Triebkraft für die vom Leid zermürbten Menschen. Pfarrer Walter Rüger hat aus Bekenntnisgründen die Ev.-Luth. Landeskirche verlassen. Nun tritt er 1947 seinen Dienst inmitten der zertrümmerten Stadt Leipzig an. In seinen Predigten geht er scharf gegen die Sünden vor und tröstet besonders mit der vergebenden Gnade Gottes. Die Gemeinde wächst zusehends. Der Gottesdienstraum in der Zentralstraße 7 ist am 4. Dezember 1944 in einer Bombennacht völlig ausgebrannt. Wieder ist die Gemeinde auf Wanderschaft. Schließlich findet sie im Betsaal des Leipziger Missionshauses eine geeignete Unterkunft. Doch dieser sehr würdige und große Saal kann die Gottesdienstbesucher kaum noch fassen. Ein eigner Kirchraum ist erforderlich. Es gelingt nach zähen Verhandlungen ein von jungen Birken bewachsenes Gelände am Nordrand der Stadt zu pachten. Nun wird mit Eifer und vielen Helfern eine Notkirche gebaut. Am 12. Januar 1950 finden wegen des Andranges zwei aufeinanderfolgende Gottesdienste zur Einweihung der Kirche statt. 1952 wird ein Theologisches Seminar zur Ausbildung für Pastoren eröffnet. Der Ortspastor wird zum Rektor berufen. Viele Glieder besonders der altlutherischen Kirche, die ihre Heimat verloren haben, schließen sich der Gemeinde an. Bald ist die Zahl 400 überschritten. Eine gegenläufige Entwicklung geschieht durch die zahlreiche Abwanderung in die Bundesrepublik. Das Gemeindeleben ist aufgeblüht. Der sogenannte „Kirchplatz” mit seiner großen Rasenfläche bietet eine besondere Gelegenheit für Gottesdienste im Freien und für Gemeindefeste.

Sie loben Gott in der Gemeinde


6. Einheit in Freiheit
1966 beruft die Gemeinde den Sohn ihres Ortspastors Johannes Rüger zu dessen Nachfolger. Leipzig wird eine zentrale Stelle für übergemeindliche Veranstaltungen. Die Gemeinde hat sich über ihre Grenzen hinaus auch verstärkt den Schwesterkirchen zugewendet. Eine Trennung von der ev.-luth. (altluth.) Kirche und später auch von der Selbständigen Ev.-Luth. Kirche, SELK, kann sie nicht akzeptieren. Die Aufgabenstellung einer Vereinigung selbständiger ev.-luth. Kirchen, VSELK, sieht sie vom Bekenntnis der Lutherischen Kirche als eine gegebene Notwendigkeit. Sie hat sich bereits von 1947 an auf die Vereinigung der lutherischen Bekenntniskirchen ausgerichtet. Inzwischen wird der Ortspastor zum Superintendent der altlutherischen Diözese Sachsen-Thüringen berufen. 1989 wird durch Gottes Barmherzigkeit und Güte dem deutschen Volk die Wiedervereinigung geschenkt. Nun kann auch die Einheit der lutherischen Bekenntniskirchen in Ost und West erfolgen.

Dankbar erleben sie mit der Wiedervereinigung des Volkes die Einheit der selbständigen lutherischen Kirche in der SELK.


7. Ein eigenes Grundstück und Pfarrhaus
1990 werden die ersten Gänge zu den Ämtern unternommen, um das Pachtgrundstück zu erwerben und die Baugenehmigung für ein Pfarrhaus zu erlangen. Der Weg durch die zumeist noch nicht neubesetzten Ämter ist lang und die Problematik des Grundstückes als ein Landschaftsschutzgebiet erschwert die Entscheidungen der Behörden erheblich. Der erhoffte Zustrom von Kirchgliedern aus den westlichen Bundesländern tritt erst ein Jahrzehnt und später ein. Die Mobilität der Gemeindeglieder nimmt zu und damit auch der Austausch mit den Gemeinden der SELK in der alten Bundesrepublik. 1993 kann das Grundstück erworben werden. Es sind 5860 qm. Anfang Januar 1998 liegt die Baugenehmigung für das Pfarrhaus vor. Bei den derzeitigen Wirtschaftbedingungen kann das Bauvorhaben zügig durchgeführt werden, so dass vor Beginn des Amtsantrittes des Nachfolgers für Pastor Johannes Rüger, Pastor Fritz-Adolf Häfner noch im Dezember 1998 in das neuerbaute Pfarrhaus mit einem Gottesdienstraum einziehen kann. Pastor Fritz-Adolf Häfner wendet sich interessierten und suchenden Menschen im Bereich Leipzig zu. Die Gemeinde zeigt sich aufgeschlossen und feiert mit diesen gemeinsam ihre Gottesdienste. Pastor Markus Fischer wird als sein Nachfolger berufen. Zum 100-jährigen Gemeindejubiläum am Trinitatisfest 2007 wird er in sein Amt eingeführt. Ihm zur Seite steht Missionar Hugo Gevers. Eine neue Zeit ist angebrochen. Die Gemeinde kann zuversichtlich ihren Weg gehen.

Beständigkeit verleihe der gnädige und barmherzige Gott!